Wenn sich rund 45 Fünftklässler nachmittags ab halb drei 90 Minuten lang ununterbrochen konzentrieren und mit offenem Mund und großen Augen gefesselt sind nur von dem Einen: Leben in der Steinzeit - dann ist was geboten! Da zischt der Schleuderspeer durch zwei dicke Kartons raus auf den Schulhof oder sprühen die Funken des Feuersteins und entzünden im Handumdrehen getrocknete Zunderpilze. Vor den Augen der Kinder gespaltene Flintsteine - schärfer als Rasierklingen - werden später wertvolle Andenken an einen faszinierenden Nachmittag; eben hat Dirk Lornsen damit noch an einem geopferten Haarsträhnchen ihre erstaunliche Wirksamkeit demonstriert. Auf Einladung der Deutsch-Lehrerin Stephanie Henninger begeisterte der Zeitreisende und Autor die Schüler und Lehrer der fünften und sechsten Klassen der Oskar-Schwenk-Schule.
"Wer verhindert, dass Ihr belogen werdet?" fragt Lornsen und entlarvt mit den Schülern zusammen die reißerischen Produkte auf dem Spielzeug- und Medienmarkt, lässt sie hautnah erfahren, wie gefährlich es ist, wenn man belogen wird. "Das passiert aber nur denen, die alles hinnehmen und nichts hinterfragen. Coole langweilen mich", sagt er. Und deshalb setzt er auf die Zeugen von damals: Unzählige Werkzeuge, auch Waffen aus der Steinzeit hat er mitgebracht. Aber auch viele Geschichten über den Umgang mit der Wirklichkeit und der Vergangenheit. Zuhören und kritisch hinhören sei nämlich eine der wichtigsten Eigenschaften von Menschen. Und dass die Fünft- und Sechstklässler der Oskar-Schwenk-Schule das können, haben sie eindrucksvoll bewiesen.
Unvermittelt verschwindet Lornsen hinter dem Bühnenvorhang. Großes Getöse bricht los, gewaltig schnaubend stampft ein Ungetüm die Rampe entlang, der Boden zittert, die Zuschauer stumm staunend, wie der Schauspieler Lornsen den Tyrannosaurus Rex aus dem Film Jurassic Park kolportiert. Gewaltherrschereidechsenkönig hieße der übersetzt, gelebt hätte er aber nicht im Jura. Und wie er denn hätte Beute machen sollen bei so einem Gestampfe? "Lasst Euch doch nicht vergackeiern! Mein Paläontologenfreund sagte: Saurier wiegen ca. 6 Tonnen. Wenn einer so auftritt wie im Film, dann braucht er neue Hüftgelenke. Die sind damals leise und sachte aufgetreten." Und mit einer sehr eindrücklichen Erzählung ließ er die Kinder nachvollziehen, wie sich Raubtiere seit ewigen Zeiten auf ihre Beute zu bewegen und wie leicht Menschen früher und heute noch zur Beute wurden und werden können. Das Bild, wie sieben junge Löwenweibchen einen Elefanten reißen, wird keiner so schnell vergessen. Oder den im Moor gefundenen Schädel eines Zehnjährigen aus der Steinzeit, der noch Verletzungsspuren aufweist.
Garniert mit Anekdoten von damals erläutert der Archäologe ("Ich bin ein Forscher für Vorfahren") den Unterschied zwischen einer Stoßlanze und einem Schleuderspeer, der Fischharpune mit Widerhaken aus Elchgeweihen und einem Bogenpfeil. Hautnah begreifbar wird alles für die Kinder, zum Schluss hat jede mal etwas in der Hand gehabt. Hackende, bohrende, schneidende, schnitzende Werkzeuge, allesamt aus Holz und Stein, manche auch mit Knochenteilen oder ein Dolch ganz aus einem Elch-Knochen. Bei der Demonstration wird dann deutlich, wie effektiv damals schon mit den Werkzeugen gearbeitet wurde und was die gewaltige Durchschlagskraft der Speere anrichten konnte. Nun ist es auch viel besser verständlich, wenn schließlich Dirk Lornsen die Szene mit der Mammutjagd aus seinem Jugendroman "Rokal der Steinzeitjäger" vorträgt, der bald als Ganzschriftenlektüre auf dem Lehrplan der Schüler steht.
Wie die authentische Begegnung mit dem Autor mitreißt, wie über lange Strecken, ja über eine Stunde lang sich Kinder mit Eifer und mit Leib und Seele beteiligen und sich schier die Arme ausrenken um zu Wort zu kommen, wie ihre Fantasie erblüht, ihre Vorstellungskraft erstarkt, das ist es, was den Nachmittag so besonders macht und sich ganz tief einprägt. Viele der Fünftklässler freuen sich schon auf den Besuch bei der Eiszeitausstellung in Stuttgart.
J. Teufel
